Was ist Glück? – Predigt zum Reformationsfest 2015

von Wolfgang SchuhmacherDSC_0348-10Wlfg-Burg KaubAS1_150
zu Mt 5,2-10

„Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist. Glücklich ist, wer vergisst, was nicht zu ändern ist““
(Aus der Feldermaus von Johann Strauss II)

Vielen von uns ist dieses Lied aus der Operette „Die Fledermaus“ bekannt. Und die älteren unter uns erinnern sich vielleicht auch noch daran, wie Peter Alexander und Marianne Koch dieses Lied im Jahr 1962 miteinander auf dem Bildschirm trällern, und das in verschiedenen Variation immer wieder zu hören war.
Hier geht es ja eher darum, dass ich mein Glück finde, wenn ich mich mit dem arrangiere und versöhne, was in meinem Leben nicht zu ändern ist.
So manches lässt sich in unserem Leben auch tatsächlich nicht ändern, an dem wir leicht verzweifeln könnten. Ich denke hier an unheilbar kranke Menschen oder auch an Menschen, die nach einem schweren Unfall für ihr ganzes Leben gelähmt sind und sich nicht mehr eigenständig bewegen können und im Rollstuhl nur mit viel Mühe und Unterstützung vorwärts kommen.
Die meisten von uns kennen wohl auch Samuel Koch. Samuel Koch hat sich bei einer waghalsigen Wette in der Sendung „Wetten DAsS“ vor einigen Jahren so schwer verletzt, dass man lange nicht wusste wie es mit ihm weitergehen wird. Heute sitzt er seit einigen Jahren im Rollstuhl. Er muss täglich etliche Übungen machen, damit sein Gesundheitszustand einigermaßen stabil ist. In den Jahren seiner Zeit im Rollstuhl hat er gezeigt, dass sein Leben trotz Rollstuhl manchmal weiter geht als man denkt. In wenigen Tagen erscheint sein Buch „Rolle Vorwärts.“
In dem Buch antwortet er auf die Frage, wie er das alles bis heute so geschafft hat mit: „nicht allein!“ Und er beschreibt wie seine Familie, Freunde und Therapeuten ihn unterstützen. Und er sagt:
Zu meinem eigenen Erstaunen ist es rückblickend so, dass ich seit dem Unfall keinen einzigen Tag ohne Lachen erlebt habe.“
Er denkt darüber nach, was für ihn Glück ist.
Er hat oft den Eindruck, dass die ganze Welt immer nur nach Glück zu streben scheint. Er schreibt: „man rennt zu Psychologen oder Wahrsagern, wechselt erneut den Partner, sucht Glückcoaches oder reist um die ganze Welt, um sein persönliches Glück zu finden. Wenn ich das Haus kaufe, das Auto lease und mein Garten richtig schön ist, dann bin ich Glücklich.“ Seine Aufzählung geht noch weiter. Dann aber fragt er: „Kann man nur dann glücklich sein, wenn die Umstände stimmen und alles so ist, wie man es sich vorstellt?“
Er schreibt dann weiter: „Zeitweilige Glücksmomente habe ich nach wie vor.“ Z.B. bei einem schönen Sonneuntergang, in der Nähe der Freundin. Und er schließt mit dem Satz: „Meine Fresse, jetzt bin ich wirklich der glücklichste Querschnittsgelähmte der Welt!“
Und er sagt: „Ich habe zunehmend gelernt, die Lebensqualität im Augenblick wahrzunehmen. Selbst wenn es manchmal nur eine Zehntelsekunde ist.“

Am Beispiel von Samuel Koch ist mir persönlich noch einmal sehr bewusst geworden: Glücklich ist nicht unbedingt derjenige, der vergisst, was nun mal nicht zu ändern ist. Einfach nur meine Probleme zu verdrängen, schafft sie nicht aus der Welt und hilft meist auch nicht weiter. Es ist das Lernen, mit den Problemen zu leben oder aus ihnen heraus für die Zukunft zu lernen. Oder wie Samuel Koch es in seinem Buch schreibt: es geht nicht darum, mich darauf zu konzentrieren was ich alles nicht kann, sondern das in den Blick zu nehmen, was ich kann. Die Rolle Vorwärts ist nicht das Vergessen, sondern, dass ich lerne ganz bewusst mit dem im Alltag zu leben, was mich gerade besonders fordert oder herausfordert. – Dann gibt es Glücksmomente – wenn auch manchmal nur für eine Zehntelsekunde.
Ja, was ist Glück? – eine Frage, die wir uns hier und da alle stellen.
Um Glück geht es auch im Evangelium der Seligpreisungen, das wir eben gehört haben.
Denn eine andere Übersetzung sagt nicht Selig die Armen, selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit. Glücklich sind die Armen, denn ihnen gehört das Himmelreich. Glücklich sind, die da Leid tragen, denn Sie werden getröstet werden. Glücklich sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen. Glücklich sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.
Manch eine oder einer könnte jetzt denken, was hat das denn mit Glück zu tun – arm ist arm und hungrig ist hungrig. Und wie können die Menschen glücklich sein, die nach Gerechtigkeit hungern – Tausende davon sind derzeit auf der Straße und auf der Flucht. Sie laufen durch Kälte und Nässe – wie soll da ein Mensch glücklich sein?!
Es gibt eine Auslegungsrichtung, die möchte das Glück all derer, von denen hier gesprochen wird ins Jenseits und ins Paradies verlegen. Und hier hat Karl Marx mit Recht davon gesprochen, dass das nur eine billige Vertröstung sei und damit Opium für den Menschen, um ihn so zu betäuben.
Wenn Jesus im Evangelium die Menschen, von denen hier gesprochen wird glücklich oder selig preist, dann deshalb, weil sie bei ihm nicht achtlos am Rande stehen bleiben. Die Menschen, von denen hier gesprochen wird, die Armen im Geist, die Hungernden und die um der Gerechtigkeit willen verfolgten – sie werden Glücklich gepriesen – weil auch sie nicht alleine bleiben – weil Jesus sie ansieht, bei ihnen ist und sie stärkt. Das ist das wahre Glück, von dem hier gesprochen wird.
Wie hast du das alles geschafft – „nicht allein!“ hat Samuel Koch geantwortet. Dieses nicht allein sein Müssen in der einer schwierigen Situation hat ihn nicht verzweifeln lassen.
Nicht allein sein in einer schwierigen Lebenssituation – davon spricht auch Jesus in der Bergpredigt, wenn er alle die hier genannten Menschen glücklich preist. Er sieht, dich und mich an. Jesus geht an keiner Not vorüber. Selbst, wenn alle Welt mich nicht ansieht; er gibt mir in seiner Liebe ein Ansehen, das kein Mensch mir nehmen kann.
Wir spüren – Glück ist nicht allein das Auto, das Haus, die tolle Reise – alle diese Dinge sind zwar schön und angenehm – aber in einer Weise vergänglich, das wir sie nicht festhalten können.
Aber die Zukunft, die wir durch Gottes Ansehen haben, sie öffnet uns den Blick für eine Wirklichkeit unseres Lebens, die uns täglich eine neue Rolle vorwärts machen lässt. Im Glauben erfahren wir ein Glück, das anders ist, als wir es hier und da glauben. Es ist ein Glück, das von Gottes Seite auf uns zukommt. Es ist anders, dieses Glück, weil es von niemandem mehr zerbrochen werden kann.
Das alles wird hier in den Seligpreisungen besungen. Unser Glück kommt letztlich von unserem Blick auf Jesu Kreuz. Hier hat er uns in einer Weise in seine Liebe zu uns hineingenommen wie es stärker nicht mehr sein kann. Denn durch Kreuz und Auferstehung zeigt er uns – wie er unser Leben glücken lässt.
In der Johannespassion von Johann Sebastian Bach heißt es in einer wunderschönen Arie (24)
Eilt, ihr angefochtnen Seelen,
geht aus euren Marterhölen,
Eilt- wohin? – Nach Golgatha!
Nehmet an des Glaubens Flügel,
Flieht – Wohin? – zum Kreuzeshügel,
Eure Wohlfahrt blüht allda!
Aus dem Leiden entsteht in der Auferstehung das Glück des Menschen – Weil er durch Jesu Leiden in Gottes Barmherzigkeit, Geborgenheit und Liebe neu hineingenommen worden ist.

Liebe Gemeinde,
es ist gut für uns, wenn wir uns heute, an dem Tag, an dem wir das Reformationsfest feiern, wieder darüber vergewissern – wo wirklich unser Glück liegt. Es liegt in Gottes Liebe, Geborgenheit und Zuspruch. – Gott sagt zu mir: Es ist gut – du gehörst zu mir.
Gott schenkt mir seine Gnade – er gibt mir Ansehen weil er mich in und mit Liebe ansieht.
Das tut gut – das gibt Mut – das schenkt neue Kraft. Im Glauben nennen wir das Gnade.
Aber gerade die Gnade, die ich im Glauben von Gott empfange, schenkt auch neue Lebensmöglichkeiten. Es sind die Lebensmöglichkeiten des Gottesreiches: Gerechtigkeit, Frieden, Freiheit und eben in alledem auch Lebensglück.
Sie kennen ja sicher den Spruch, dort wo das Auge hinsieht, das wird der Mensch.
Ein Mensch, der in Gottes Liebe blickt, der lernt selbst zu lieben. Ein Mensch, der erfährt, dass sein Leben in Gott nie hoffnungslos ist – lernt aus der Hoffnung auf Gottes Zukunft mit ihm zu leben.
Ein Mensch der spürt, dass Gott ihm Vertrauen schenkt und ihn nicht fallen lässt – dieser Mensch lernt ganz und gar auf Gott zu vertrauen – das heißt, an ihn zu Glauben.
Glaube, Hoffnung und Liebe – Darin besteht unser ganzes Glück!
Darum:
Glücklich ist, wer nicht vergisst, dass er aus Glaube, Hoffnung und Liebe lebendig ist!