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Predigt im ökumenischen Gottesdienstes anlässlich des 75-jährigen Doppeljubiläums der Ortsgemeinde Münster-Sarmsheim am 3.10 2003

von: Pfr. Wolfgang Schuhmacher

Lesung:  Jer 29, 4-7; 10-14  u.  Röm 12, 1-18

 

Als vor 75 Jahren die beiden Gemeinden Münster und Sarmsheim durch einen Verwaltungsakt zu einer Doppelgemeinde zusammengeschlossen worden sind, war das sicher nur die eine Seite der Medaille.

Papier ist geduldig und hält still.

Menschen aber suchen Sicherheiten, beharren auf ihre Traditionen und Besitzstände, haben oft Angst vor Neuem. Oder sie befürchten, wenn etwas zusammengelegt wird wie eine solche Ortsgemeinde, dass die eine oder andere Seite zu kurz kommt.

Der Zusammenschluss der beiden Gemeinden erfolgte in den schwierigen Jahren der Weimarer Republik, dann kamen die unglücklichen Erfahrungen des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkrieges mit seinen Zerstörungen und den über hundert Toten auch aus unserer Gemeinde und schließlich der Wiederaufbau nach dem Krieg.

Eine Herausforderung folgte auf die andere.

Wenn ich in Gesprächen mit Sarmsheimern oder Münsterern  versehentlich mal den je eigenen Ortsteil auslasse, dann höre ich in der Regel sofort halt: ich bin Münsterer oder ich bin Sarmsheimer. Die alte Identität lebt in vielen Köpfen und Herzen auch heute noch fort, nicht nur im Bereich der Zivilgemeinde. Auch wenn es um die Zugehörigkeit zu den beiden katholischen Kirchen St. Peter und Paul und St. Alban geht begegnet mir ein ähnliches Gefühl der Zugehörigkeit zum eigenen Ortsteil oder der eigenen Kirche. Und das obwohl die Zusammenarbeit beider Kirchen in unserem Ort die Zahl des Ortsjubiläums bei weitem übersteigt.

Deshalb wundert es mich auch nicht, wenn nach 13 Jahren Deutscher Einheit die innere Einheit zwischen vielen Menschen in unserem Land noch nicht ganz erlebt und gelebt wird.

Papier ist geduldig. Es ist also die menschliche Herausforderung, die sich hier stellt.

In unserer Gemeinde Münster-Sarmsheim wohnen überwiegend Christen.

Für mich heißt das, dass unser Glaube, der uns als evangelische und katholischen Christen verbindet darum auch Maßstab und die Grundlage für unser Zusammenleben in unserer Gemeinde ist.

Bei unserem Nachdenken können uns die beiden Lesungen, die wir aus dem Buch Jeremia und aus dem Römerbrief gehört haben sehr hilfreich sein.

Jeremia spricht zu Menschen, die ihre Heimat verlassen und ins Exil ziehen mussten.

Sie sollen Häuser bauen und darin wohnen, Gärten pflanzen und von den Früchten essen. Sie sollen heiraten und sich vermehren. Jeremia zeigt auf, dass es selbst in der Fremde wichtig ist, für die Zukunft zu sorgen. Er zeigt auf, dass sich das Leben nicht verschieben lässt auf die Zeit nach der Gefangenschaft. Er mahnt die Menschen in der Gegenwart für die Zukunft zu sorgen. Denn das Leben lässt sich nicht verschieben.

Die Stadt ist für den Propheten der Lebensraum, für den es zu sorgen gilt. Denn im Wohl der Stadt liegt auch das Wohl des einzelnen.

Aus diesen Worten des Propheten Jeremia können auch wir heute für das Leben in unserem Ort sehr viel herauslesen.

Die Menschen, die miteinander in einem Ort wohnen, werden aufeinander verwiesen und sind aufeinander angewiesen.

Das ist ein Gedanke, der für viele von uns heute nicht mehr so ohne weiteres selbstverständlich ist.  Viele sagen: ich zahle doch Steuern, dann sollen die anderen mal machen.  Doch damit ist der Gedanke vom Gemeinwesen weit verfehlt. Denn ein Gemeinwesen, das was allen Gemeinsam gehört, kann auch heute kein Servicebetrieb sein, sondern ist die Sache, die alle angeht, ist die Sache, für die alle Mitverantwortung tragen, auch wenn man nicht ein gewählter Mandatsträger auf Zeit ist.

Für Christen, die sich immer wieder neu von Gottes Wort ansprechen lassen, ist dies eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber dennoch nicht einfach.

Ich glaube, das gilt für die beiden Kirchengemeinden wie auch für unsere Zivilgemeinde gleichermaßen.

Natürlich braucht es immer Menschen, die bereit sind mehr Verantwortung zu übernehmen als andere. Ob das im Pfarrgemeinderat oder im Verwaltungsrat, im Presbyterium oder im Ortsrat ist. Das Engagement in diesen Gremien erfordert Kraft, Idealismus und oft auch Frustrationsbereitschaft. Aus eigener Erfahrung weiß ich wie sehr ich als Pfarrer von vier Orten auf die Mitarbeit vieler in unseren Gremien angewiesen bin. Ich weiß: ohne dieses stellvertretende Engagement kann kein Gemeinwesen auf Dauer bestehen.

Nur spricht dieses Engagement einzelner oder einiger Gruppen die anderen nicht von ihrer Verantwortung für das Ganze frei.

Ich bin davon überzeugt, dass es wichtig und notwendig ist, dass wir uns anlässlich eines solchen Jubiläums, wie wir es an diesem Wochenende feiern von Neuem unsere gegenseitige Verantwortung füreinander bewusst machen. Wie in einer Familie ist gemeinsames Leben letztlich nicht durch das Zahlen von Geld und Abgaben (allein) zu regeln. Letztlich ist es der gegenseitige Dienst für- und aneinander, der im alltäglichen Leben notwendig ist. In der Bereitschaft füreinander einzustehen, in der Bereitschaft der einzelnen als eine Solidargemeinschaft zu leben, zeigt sich, ob eine Gemeinde, egal ob als Kirchengemeinde oder als Zivilgemeinde, eine gute Zukunft hat.

Der Apostel Paulus gibt uns 12. Kapitel des Römerbriefes einige wichtige Hinweise wie dieses gemeinschaftliche Leben gelingen kann.

Wenn er davon spricht, sich selbst als ein lebendiges Opfer darzubringen, meint er nicht allein das Beten im Gottesdienst. Er meint vielmehr in besonderer Weise das Leben, das aus der Verbundenheit mit Gott hervorgeht. Gemeint ist das Leben in dieser Welt als gesamtes. Er erwartet von den Christen, dass sie ihren Glauben mit Profil leben. Das heißt sich an Jesus Christus, an seinem Leben und Handeln, an seinem Wort in allen Lebenssituationen orientieren.

Für Paulus sind alle Ämter Dienstämter. Er misst keinem ein höheres Ansehen zu. Aber er macht deutlich: der Ganze Leib kann nur funktionieren, wenn alle sich einbringen und nicht sagen, lass die anderen mal machen, oder:  Ich habe keine Lust, das ist mir zu viel. Der Dienst an der Gemeinschaft soll mit Eifer und mit Freude geschehen.

Maßstab ist die Liebe, d.h. des anderen und das eigene Wohl.

Paulus wendet sich gegen Heuchelei und macht deutlich, dass Mittel des Bösen nicht akzeptiert werden dürfen. D.h. nichts soll geschehen, von dem man weiß, dass es anderen oder sich selbst schadet. Das Miteinander soll schließlich geprägt sein von gegenseitiger Achtung. Paulus ruft auch auf zu gegenseitiger Solidarität in den verschiedensten Lebenssituationen in Freude und Trauer. Dabei soll gegenüber einem Jeden der Blick auf das Gute gerichtet sein und damit verbindet er das stete Bemühen, den Frieden mit allen Menschen zu halten. Das ist gerade in einem überschaubaren Ort nicht immer so einfach.

Ein Jubiläum ist immer auch Anlass zum Rückblick, zur Besinnung und vielleicht auch zum Neuanfang. Ich wünsche uns allen hier, dass wir das Fest des 75-jährigen Bestehens unserer Doppelgemeinde Münster-Sarmsheim in diesem Sinne nutzen. Dann sind 75 Jahre Doppelgemeinde nicht nur  begründet in dem Verwaltungsakt von 1928, sondern verwurzelt in unserer lebendigen Gemeinschaft hier vor Ort. Es ist eine Gemeinschaft die wir im Vertrauen auf Gottes Führung auf Zukunft hin gemeinsam leben. Amen

 

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