Pressemeldung, 30. Oktober 2003
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Beschränkung des Pflegeverständnisses kritisiert

Vortrag von Kardinal Lehmann bei Fachtagung zum Thema "Pflegequalität" im Erbacher Hof

Kardinal Karl Lehmann bei seinem Vortrag auf der Fachtagung zum Thema Pflegequalität im Erbacher Hof. (Foto: MBN - Bitte klicken Sie auf das Bild für eine druckfähige Version)

Mainz. Für eine Ausweitung des Pflegebegriffs hat sich Kardinal Karl Lehmann am Mittwoch, 29. Oktober, in Mainz ausgesprochen. Es sei "kein zukunftsträchtiger Weg, dass die intensivierte Kostensenkungspolitik nach und nach zu einer massiven Reduzierung von Leistungen führt, durch die Menschen benachteiligt werden, bei denen es sich angeblich nicht mehr ‚lohnt'", sagte er in seinem Vortrag "Die Pflege als Grundbaustein religiöser Praxis". Der Weg sei nicht mehr weit, "um lebenswertes und lebensunwertes Dasein zu unterscheiden und eben auch anzuwenden", warnte er. Lehmann sprach zum Abschluss der zweitägigen Fachtagung "Welche Pflegequalität wollen wir uns leisten? Ethischer Anspruch in realen Bedingungen" im Erbacher Hof in Mainz. Zu der von der Akademie des Bistums Mainz und der Katholischen Fachhochschule Mainz veranstalteten Tagung waren rund 250 Teilnehmer gekommen.

Der Mainzer Bischof kritisierte, dass der Pflegebegriff seit einiger Zeit immer stärker auf die rein körperlichen Unterstützungen und Maßnahmen reduziert werde. Dabei kämen vor allem verwirrte Menschen, Unfallopfer und alle Menschen, die langfristige Betreuung brauchten, "trotz eindrucksvoller Gesamtleistungen zu kurz". Wörtlich sagte er: "Deshalb muss man zuerst gewiss das Verständnis von Pflege ausweiten. Ich bin mir dabei der kaum vermeidbaren Folgen für eine Kostenerhöhung durchaus bewusst. Darüber muss nüchtern gesprochen werden."

Eine Ausweitung des Pflegeverständnisses "ist nicht möglich, ohne die kreatürlichen Grenzen des Menschen stärker zu beachten", wie sie sich nicht nur in Krankheit und Unfallfolgen, sondern auch in Hinfälligkeit und Gebrechlichkeit des menschlichen Lebens zeigten, unterstrich Lehmann. Wenn der Mensch besonders über längere Zeit eine grundlegende Beeinträchtigung erfahre, brauche er die Unterstützung seiner Mitmenschen. "Dies ist eine verletzliche Situation, besonders dann, wenn man bedenkt, wie sehr in weiten Teilen unserer Gesellschaft Gesundheit, und gutes Aussehen, Sportlichkeit und Leistungsvermögen, Jungsein und Reichtum als Inbegriff eines glücklichen Lebens gelten." Die Pflege sei daher "von vornherein in Gefahr, etwas darzustellen, was eigentlich nicht sein soll". In Wahrheit sei die Pflege jedoch "etwas Kreatürliches und Menschliches, das die allermeisten Menschen ereilt".

Fachkundige Pflege ist ein unersetzliches Geschenk "Die fachkundige Pflege ist gerade auch im schlichten menschlichen Helfen, das sehr alltäglich und unscheinbar sein kann, Verwirklichung von Liebe", hob Kardinal Lehmann die Bedeutung von Pflege hervor. In einer wirklichen "Begleitung" liege ein Geschenk an den Menschen, das unersetzlich sei, sagte er. Neben der professionellen Pflege verrichteten auch ehrenamtliche Besuchsdienste eine "wichtige Aufgabe, weil sie nicht so unmittelbar vom Stress professioneller Pflege erfasst sind".

Bischöfliche Pressestelle Mainz / Tobias Blum
Mainz, 30. Oktober 2003