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| Auf den Spuren der heiligen Hildegard von Bingen: Die Gruppe unterwegs am Disibodenberg. | |
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An jeder Station werden die beiden Wallfahrtsbilder der heiligen Hildegard und des heiligen Rupertus aufgestellt. |
Der letzte Montag im Juli ist für Alfons Krupp aus Weiler bei Bingen ein ganz besonderer Tag. Wenn andere sich den Termin als Beginn des Sommerschlussverkaufs merken, dann steht für den pensionierten Schulrektor und für die Männer aus seiner Gruppe „Hildegard- und Rupertus-Wallfahrt“ im Kalender. Bereits zum fünften Mal pilgern Krupp und zwischen acht und zehn weitere Rentner aus Bingerbrück „auf den Spuren der Heiligen Hildegard und Rupertus“, der beiden Pfarrpatrone; von Hildegards Geburtsort in Bermersheim bei Alzey bis zu ihrem Sterbeort am Rupertsberg in der Nähe von Bingen. Ausgerüstet mit Brustkreuz, Jakobsmuschel, in der das Datum der ersten Wallfahrt steht, und Pilgerstab als äußere Erkennungszeichen und mit einem Rucksack für den Proviant unterwegs, machen sie sich jedes Jahr nach dem Pilgersegen auf den rund 100 Kilometer langen Fußweg über Uffhofen, Fürfeld, den Disibodenberg, Staudernheim, Waldböckelheim, Sponheim, Braunweiler, Spabrücken, Wald-Erbach, und Belle Kreuz bis zum Rupertsberg und nach Eibingen. An fünf Wallfahrtstagen wollen sich die Männer der Lebensgeschichte der großen Mystikerin vom Rhein erinnern.
In diesem Jahr brennt die Sonne, der Schweiß steht den Männern im Gesicht, als sie am Disibodenberg, am Zusammenfluss von Glan und Nahe, bei Odernheim ankommen. Hier trat Hildegard in die Klause der Meisterin Jutta von Sponheim ein und leitete nach Juttas Tod 1136 selbst das Kloster, bevor sie 1150 das Kloster Rupertsberg, ihr späteres Heimatkloster, gründete, wo sie 1179 starb. Am Parkplatz erwartet die Männer schon Werner Braun. Er ist zuständig für alle Organisationsfragen während der Wallfahrt. „Nach einer Operation konnte ich nicht mehr selbst mitwandern, so fahre ich das Versorgungsfahrzeug“, sagt Braun. Während die anderen Männer die Wegstrecken durch die Wälder zurück legen, sorgt er dafür, dass an den Rastplätzen für alle Getränke und kleine Imbisse bereit stehen, wenn die anderen ankommen: Für unterwegs Tee, kalt oder warm, ganz nach Wunsch, auch schon mal ein halbes Hähnchen, ein Glas Wein für abends: Werner Braun hat es organisiert.
An diesem Tag steht Staudernheim als Ziel der Tagesetappe auf dem Programm. Übernachtet wird in den Pfarrhäusern von Fürfeld, Staudernheim und Spabrücken. Im Pfarrhaus ist bereits der Pfarrsaal geräumt, die Pfarrsekretärin öffnet und zeigt den Weg, Teppiche liegen als Untergrund auf dem Boden, wo die Wallfahrer mit Luftmatratzen und Schlafsäcken ihr Nachtlager aufschlagen; nicht ohne vorher in der benachbarten Kirche das Abendlob zu beten. „Laudes und Vesper rahmen unsere Wallfahrtstage ein, zwischendurch machen wir auch schon mal im Wald Station und beten“, erklärt Alfons Krupp. Die Stationen auf der Wegstrecke versucht Krupp dann in Verbindung zu setzen mit dem Lebensweg der Heiligen Hildegard. In der kleinen Pfarrkirche werden die Wallfahrtsbilder aufgestellt, bevor es losgeht. Sie zeigen Hildegard und Rupertus – Holzschnitzarbeiten, die normalerweise in der Heimatkirche der Wallfahrer in einem Seitenaltar eingebaut sind. Während der Wallfahrt werden sie im Transportfahrzeug von Werner Braun mitgenommen und an den jeweiligen Rastplätzen und Kirchen zur Meditation aufgestellt. Dazu hat Alfons Krupp sogar extra ein eigenes Pilgerbuch mit Gebeten, selbst getexteten Liedern und mit Gedanken der heiligen Hildegard zusammen gestellt.
Die Idee einer Hildegardswallfahrt kam dem früheren langjährigen Rektor der Rupertusschule in Bingen im Umfeld des großen Hildegard-Jubiläums 1998, dem 900. Geburtstag der Ordensfrau. Damals saß Krupp als Pfarrgemeinderatsvorsitzender und Mitarbeiter im Liturgieausschuss in einem Kuratorium zur Vorbereitung des Hildegard-Jahres, zu dem auch die Bischöfe der rheinland-pfälzischen Bistümer, die Ministerpräsidenten und Vertreter aus Kirche und Politik der Region um Bingen gehörten. Krupp schlug damals vor, eine eigene Hildegardswallfahrt zu organisieren. Weil die Idee nicht in diesem Großrahmen aufgegriffen wurde, entschloss sich Krupp, Bekannte und Freunde zu motivieren, mit ihm zusammen im privaten Rahmen im wahrsten Sinn des Wortes auf Entdeckungsreise in das Leben der Hildegard zu gehen. In den Männern aus Bingerbrück, die alle zwischen 62 und 78 Jahren alt sind, fand er Gleichgesinnte, um – wie er sagt – „bei sich selbst und bei Gott anzukommen“. Dazu biete das gemeinsame Unterwegssein Hilfe, weil man in der Fußwallfahrt die Natur erlebe und so hautnahe Erfahrungen, Anstrengungen und Erlebnisse spüre. Das verbinde mit der Lebenswallfahrt Hildegards, die „in ihrem Reden und Tun den Menschen in der Verantwortung für die Schöpfung Gottes sah und den Dienst am Nächsten zur Ehre Gottes lebte und predigte“, sagt Alfons Krupp.
Erfahrbar wird das für die Männer ganz konkret, wenn es darum geht, dem anderen auf dem Weg zu helfen, wenn es zu anstrengend wird, wenn Gespräche und Schweigen die Pilger über Wegstrecken begleiten, aber auch wenn Unterstützung in den ganz einfachen Dingen des Wallfahrts-Alltags wie das Aufpumpen der Luftmatratzen anstehen. Die Tradition des Wallfahrens bringt auch im 21. Jahrhundert immer wieder Berührungspunkte zur mittelalterlichen Zeit, weiß Werner Braun zu berichten: „Als ich mit einem gerissenen Rucksack zu einem Schuster kam, wollte der nur fünf Groschen für die Reparatur, als er erfuhr, dass wir Pilger sind.“ Oder das Beispiel eines Winzers, der für die Wallfahrer nach alter Tradition Wein bereit stellt, und schließlich wartet an manchem Pfarrhaus unterwegs auch eine Stärkung auf die Fußpilger. Selbst die Duschmöglichkeiten nach einem durchschwitzten Fußmarsch erinnern eher an die Improvisationskunst einer Fußwallfahrt als an moderne sanitäre Einrichtungen: Kaltes Wasser aus einem Gartenschlauch im Pfarrheimgarten, gestützt durch ein altes Mikrofonstativ bringen beim gemeinsamen Duschen Erfrischung und Sauberkeit. Abschluss der Wallfahrt ist jeweils am Freitag der Wallfahrtswoche im Kloster Eibingen, wo heute noch Benediktinerinnen in der Tradition Hildegards leben. Dazu stoßen dann auch die Ehefrauen der Pilger, die „den langen Fußmarsch sonst nicht schaffen würden“, sagt Alfons Krupp. Auch wenn der Pilgermarsch jährlich im Pfarrbrief ausgeschrieben würde, so hätten sich doch bisher keine Frauen zur Wallfahrt gemeldet. „Wir haben in diesem Jahr eine Anfrage von einer Frau aus der Nähe von Bonn, die im nächsten Jahr mitlaufen möchte“, berichtet Krupp. Ob sie sich tatsächlich 2002 zu der Männergruppe hinzugesellen wird, wird sich noch zeigen. Für die Organisation wäre dann noch einiges zu planen, nicht nur wegen des gemeinsamen Duschens im Pfarrheimgarten.