Die Zeit und Gesellschaftsordnung, in der sie lebte

Der Zeitraum um die Mitte des 12. Jahrhunderts markiert sehr deutlich jene Höhe des Mittelalters, wo Papst und Kaiser in erbitterter Fehde stehen (Investiturstreit), wo der Mönch Bernhard von Clairveaux zu den Kreuzzügen ruft, wo das Weltbild des Ptolemäus über das Abendland hereinbricht.

Die ersten Universitäten entstehen. Die Scholaren ziehen von Schule zu Schule. Die Minnesänger fluten aus der Provence über ganz Europa. Die Burgen unserer Heimat sind bewohnt.

Es ist eine geschichtliche bewegte Zeit, die Hildegard nicht nur aus der Ferne erleben sollte, sondern in die sie auch aktiv hineinwirkt.

Auf dem Hintergrund der geistigen Geschlossenheit eines christlichen Abendlandes hatte die gesellschaftliche Lebensordnung ihr festes Gefüge. Jeder wurde in seinen "Stand" hineingeboren. In diesem blieb er normalerweise ein Leben lang.

Agrarisches Lebens- und Wirtschaftssystem und christlicher Glaube bestimmten also das Leben.

So prägte in erster Linie nicht der Staat, sondern die Kirche die mittelalterliche Gesellschaft. Sie war in allen Lebensvollzügen gegenwärtig. Ihre Feiertage bestimmten den Lebens- und Arbeitsrhythmus.

Auch das Geistesleben war von ihr abhängig. Durch die Dom- und Klosterschulen und die Universitäten, die vom Papst bestätigt werden mußten, besaß die Kirche ein Bildungsmonopol. Aber sie hatte auch allein das Recht und die Pflicht zur sozialen Fürsorge. Bischöfe und Äbte hatten als Geistliche politisch wichtige Positionen inne.