Hildegard über ihre visionäre Begabung

Vorwort "SCIVIAS" - Wisse die Wege
"Im Jahre 1141 der Menschwerdung Jesu Christi, als ich zweiundvierzig Jahre und sieben Monate alt war, sah ich ein überaus stark funkelndes Licht aus dem geöffneten Himmel kommen. Es durchströmte mein Gehim, mein Herz und meine Brust ganz und gar, gleich einer Flamme, die jedoch nicht brennt, sondem erwärmt. Es erglühte mich so, wie die Sonne einen Gegenstand erwärmt, auf den sie ihre Strahlen ergießt. Und plötzlich hatte ich die Einsicht in den Sinn und die Auslegung des Psalters, des Evangeliums und der anderen Schriften des Alten und Neuen Testamentes."

und ebenda
"Schreibe, was du siehst und hörst"

und ebenda
"Erhebe dich, rufe und sprich!"

Aus einem Bief an den Mönch Wibert von Gembloux in Brabant (1175)
"Von meiner Kindheit an, als meine Gebeine, Neven und Adem noch nicht erstarkt waren, erfreue ich mich der Gabe dieser Schau. Ich sehe diese Dinge nicht mit den äußeren Augen und höre sie nicht mit den äußeren Ohren, ich sehe sie vielmehr einzig in meiner Seele, mit offenen leiblichen Augen, so daß ich niemals die Bewußtlosigkeit einer Ekstase erleide, sondem wachend schaue ich dies bei Tag und Nacht."

Im letzten Lebensjahr an die Mainzer Prälaten
"Schon vor der Geburt wurde meiner Seele die Schau vom Schöpfergott eingeprägt."

Hildegard wurde zu Beginn ihrer Arbeit von starker Unsicherheit geplagt. Um das in ihrer Seele Gelesene öffentlich mitzuteilen, bedurfte Hildegard des theologischen Lehramtes, das ihr als Frau aber generell versagt war. Wenn sie dennoch schreiben und lehren konnte, so beruhte das für sie selbst und für ihre Zeitgenossen auf einer außergewöhnlichen ,,Amtslegitimation“, der Anerkennung ihres Prophetenamtes.

Die Wahrheit ihres prophetischen Auftrages, der nach dem Befehl des göttlichen Auftraggebers das Schreiben von Büchem und Lehrschriften beinhaltete, mußte auf dem Weg durch die irdischen Instanzen geprüft und bestätigt werden.
Das geschah nach Hildegards autobiographischen Aufzeichnungen durch

Aufgrund der Durchsicht von Teilen ihres Erstwerkes "SCIVIAS" erfolgte die Erlaubnis zu einer Fortsetzung der Schrift; denn "alle sagten, daß es aus Gott sei und aus der Prophetie, aufgrund derer einst die Propheten prophezeiten". Der Papst bestätigt die Genehmigung in einem Brief an die Prophetin, der sie zum Schreiben geradezu verpflichtete. "Er befahl, daß ich das, was ich in der Vision sah oder hörte, mit besonderer Sorgfalt aufschriebe.“ Fortan konnte Hildegard autorisiert und gleichsam von Amts wegen schreiben.

Die göttliche Mitte aller Geheimnisse der Welt offenbart sich uns in ihrer unaussprechlichen Fülle: Vor nachtblauem Grund erscheint eine silbeme Scheibe, Symbol der Vollendung, und inmitten dieser Silberscheibe erglüht nun goldener Glanz, ein rötlich glühendes Glänzen, in dem uns abermals die Gestalt eines Menschen vor Augen tritt. Um die Gestalt fließt ein silbemer Strom, der aus dem funkelnden Grunde kommt und im Überfließen aus der Dreiheit die Einheit bildet.

Der Urlebendige trägt, gleich einer schwangeren Frau, den gesamten Kosmos in seinem Herzen. Im Flammenkranz der Liebe umarmt er alles Geschaffene. Unter dem roten Feuerkreis züngelt das schwarze Feuer seiner richtenden Härte. Es wird jedoch durchstrahlt vom roten Feuer seiner Liebe. In konzentrischen Kreisen folgen verschiedene blaue bis weiße Schichten. Sie stellen den Äther, das Wasser, die Luft mit Wolken und Regen und schließlich die braune Erde dar. In der Mitte steht der Mensch. Seine Kreuzesform bildet die Brücke zwischen Gott und Welt, gleichsam als Dreh- und Angelpunkt, als Fadenkreuz, in dessen Menschengestalt Gott selbst hinabsteigt, um seiner Schöpfung nahe zu sein. Der Mensch überragt die Erde um ein Vielfaches, weil seine Wirkmöglicheiten kosmische Dimensionen erreichen.
Ein Netz von Fäden geht von der Liebe aus und in den Menschen hinein. Es verbindet ihn mit Stemen und Planeten, mit Elementen und Wesen. Er ist nach Hildegard ,,eingeästet" in den Baum der Schöpfung, d.h. auf Gedeih und Verderb mit allem Geschaffenem verbunden.

"O Mensch", ruft Hildegard aus, "schau dir doch den Menschen richtig an: Der Mensch hat ja Himmel und Erde und die ganze übrige Kreatur schon in sich selber und ist doch eine ganze Gestalt." (HK 50)





Was die Gestalt des Menschen mitten im Herzen der Welt besagen will
Daß aber inmitten dieses Rades die Gestalt eines Menschen erscheint, dessen Scheitel sich nach oben, die Füße aber nach unten gegen den erwähnten Kreis der starken weißen Klarluft erstrecken, während rechts die Fingerspitzen der rechten Hand, links die der linken gegen diese Luftschicht beiderseits gerichtet sind, als habe die Gestalt weit ihre Arme ausgebreitet, das soll folgendes besagen:

Mitten im Weltenbau steht der Mensch.

Denn er ist bedeutender als alle übrigen Geschöpfe, die abhängig von jener Weltstruktur bleiben.
An Statur ist er zwar klein, an Kraft seiner Seele jedoch gewaltig. Sein Haupt nach aufwärts gerichtet, die Füße auf festem Grund, vermag er sowohl die oberen als auch die unteren Dinge in Bewegung zu versetzen.
Was er mit seinem Werk in rechter oder linker Hand bewirkt, das durchdringt das All, weil er in der Kraft seines inneren Menschen die Möglichkeit hat, solches ins Werk zu setzen.
Wie nämlich der Leib des Menschen das Herz an Größe übertrifft, so sind auch die Kräfte der Seele gewaltiger als die des Körpers, und
wie das Herz des Menschen im Körper verborgen ruht, so ist auch der Körper von den Kräften der Seele umgeben, da diese sich über den gesamten Erdkreis hin erstrecken.

So hat der gläubige Mensch sein Dasein im Wissen aus Gott und strebt in seinen geistlichen wie weltlichen Bedürfnissen zu Gott. Geht es mit seinen Untemehmungen gut vorwärts oder glücken sie auch nicht: immer richtet sich sein Trachten auf Gott, da er Ihm in beiden seine Ehrfurcht ununterbrochen zum Ausdruck bringt. Denn wie der Mensch mit den leiblichen Augen allenthalben die Geschöpfe sieht, so schaut er im Glauben überall den Herrn. Gott ist es, den der Mensch in jedem Geschöpf erkennt. Weiß er doch, daß Er der Schöpfer aller Welt ist.
("Welt und Mensch", Salzburg 1965)