
Morgengrüße im SWF4
Spannung muß sein! Das merken wir, wenn wir vor dem Fernseher sitzen. Wir brauchen den Kitzel, eben die Spannung im Film. Zeigt ein Film viele Längen, ist er langweilig und wird weggezappt.
Spannung muß sein! Das hat sich die Vergnügungs- und Freizeitindustrie auf die Fahnen geschrieben. Sie schafft Erlebnisparks in denen die abwechslungbringende Spannung hochgehalten wird.
Spannung muß sein, oder etwa: Spannung darf doch nicht sein!
Viele unserer Zeitgenossen suchen Sicherheit in ihrem Alltag. Sie ernähren sich gesund, treiben viel Sport, um die Figur zu erhalten. Sie schließen für alles mögliche Versicherungen ab und ertragen es nicht, daß in ihrem Leben ein gewisses sogenanntes "Restrisiko" bleibt. Sie suchen die Sicherheit ohne wirkliche Sicherheit zu finden.
Leben aber geht nicht ohne Risikko, leben kann man nicht mit letzter Sicherheit. Das wußte auch die Benediktinerin HIldegard von Bingen, von der Sie in den vergangenen Tagen schon wiederholt gehört haben.
Hildegard warnt vor der Übertreibung und der Maßlosigkeit. Als Benediktinerin lebt sie nach dem Rezept des rechten Maßes. Eine ihrer Grundregeln lautet, das rechte Maß in allem zu suchen. Dabei lebt auch sie immer in einer Spannung. In einem Brief an Bernhard von Clairvaux schreibt sie: Seit ihrer Kindheit habe sie "niemals in Sicherheit"gelebt, "nicht eine einzige Stunde. Und in einem sehr persönlichen Brief an ihren späteren Sekretär schreibt sie: "Ich aber bin ständig von zitternder Furcht erfüllt. Denn keine Sicherheit irgendeines Könnens ist in mir."
Mich fasziniert an Hildegard, daß sie nicht in Resignation gefallen ist, sondern den Mut hatte, die Spannungen, d.h. die Unsicherheiten des Lebens auszuhalten. Das ist ihr gelungen, weil sie während der zweiundachtzig Jahre ihres Lebens immer wieder auf Gottes Geist vertraut hat. Weil sie dem Leben und damit Gott Fragen gestellt hat. Gottes Geist, der der die Kraft des guten Lebens ist, hat ihr dabei immer wieder einen Weg zum Gehen gezeigt.
Für diese Frau, die so sehr um die Welt Bescheid wußte, war klar: Gott suchen heißt ins Dunkel springen. Glaube ist (immer ein Risiko,) mehr eine Sache des mutigen Vertrauens als der beruhigenden Absicherung. Die Freude des himmlischen Vaterhauses, sagt sie einmal, könne der ringende, zwischen Sünde und Reue zerriebene Mensch niemals schauen, höchstens "von weitem im Schatten des Glaubens" eintreten, völlig unsicher in seiner Existenz! Jenen reinen Glauben, der Berge vesetzen kann, vermöge der Mensch mit seiner zerbrechlichen Natur doch niemals zu halten"<< (Feldmann 177).
Spannung muß sein! Nicht unbedingt beim Fernsehen oder (nur) in der Freizeit. Spannung muß sein auch auf dem Weg des Glaubens!
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