Morgengrüße im SWF4

Sprecher 1Ich drücke mich, wo ich nur kann. Was soll ich anderen helfen, ich habe mit mir selbst schon genug zu tun. Wer wäre außerdem der, der immer nur die Wahrheit sagen könnte. Wenn ich meinen Mitmenschen immer aufrichtig Glück wünschen würde, müßte ich mir am Ende vielleicht selber schaden, das ist nicht mein Fall. Denn was immer ich mir wünschen und ich auch bekommen kann, das will ich auch genießen, ich habe keine Lust, auf etwas zu verzichten. Man gönnt sich ja sonst nichts.
Sprecher 2Das klingt nach einem Spion im Hinterhalt, der feige und listig versucht die Menschen auszutricksen, niemanden wirklich achtet und keinem anderen neben sich auch nur das Geringste gönnt, während er sich selbst den Bauch genußsüchtig reibt und nach immer mehr schreit.
Sprecher 1Aber genau so ist doch unsere Situation heute. Lug und Trug auf breiter Ebene, jeder sticht den anderen aus und nennt das Selbstverwirklichung.
Sprecher 2Aber wie kannst Du Dich auf Kosten anderer selbstverwirklichen. Du lebst doch nicht isoliert auf der Welt. Wenn Du auf Dauer andere immer nur benutzt und ausnutzt, wirst Du irgendwann völlig alleine in einer Beziehungswüste stehen.
Sprecher 1Das mag stimmen, aber nur so erreichen heute viele Menschen ihr Ziel, da ist es doch kein Wunder, wenn immer mehr Menschen mit der Zeit so denken und handeln.
Sprecher 2Ich halte nichts vom Zischen und Tuscheln hinter dem Rücken anderer und finde es besser, anderen gegenüber ehrlich zu sein, und auch schon mal eine Schwäche zu zeigen. In der Lüge liegt im übrigen aller Laster Anfang. Es heißt nicht umsonst: "Wer die Lüge liebt, treibt nicht nur dieses eine Laster, sondern verfällt auch allen anderen."(HvB, Mi.d.V., S. 110/54)
Sprecher 1Liebe Hörerinnen und Hörer, vielleicht klingt ihnen unser Gespräch zu sehr nach moralischem Zeigefinger.
Sprecher 2Vielleicht erkennen sie in unseren Worten den Zeitgeist.
Sprecher 1Oder sie sehen sich selbst hier und da wie in einem Spiegel.
Sprecher 2Die Menscheit behandelt diese Themen schon seit alters her unter der Überschrift "Tugend und Laster".
Sprecher 1Hildegard von Bingen, die in dieser Woche Thema unserer Ansprachen ist, reiht zahlreiche solcher dramatischen Dialoge zwischen Tugenden und Laster in ihrem "Buch der Lebensverdienste" aneinander. Hildegard zeigt den Menschen in seiner täglichen Tretmühle, stumpf und egoistisch und schwunglos, im Kampf zwischen Gut und Böse.
Sprecher 2Und sie zeigt denselben Menschen stark und strahlend, fähig sich selbst zu übersteigen, wenn ihm die Tugenden zu Hilfe kommen.
Sprecher 1Die Tugenden sind bei Hildegard Gaben des Heiligen Geistes. Die wichtigste Tugend ist für Hildegard die Liebe. Sie wirkt alle guten Werke am Tag und salbt bei Nacht alle Schmerzen.
Sprecher 2[Liebe Hörerinnen und Hörer,] wir wünschen ihnen für ihren Alltag die spürbare Kraft dieser Liebe Gottes.

Kontaktadresse: Kath. Pfarramt Münster-Sarmsheim,
Kirchstr. 5,
55424 Münster-Sarmsheim,
Di-Fr. von 9-11 Uhr,
Tel.: 06721--43093,
Fax: 06721--995111