Morgengrüße im SWF4

Die Welt rückt immer enger zusammen. Darauf hat der Philosoph Martin Heidegger in der Mitte unseres Jahrhunderts hingewiesen als er davon redete, daß durch das Flugzeug und das Fernsehen die Ferne ganz nah zu uns gerückt ist. Mit seinen Überlegungen hat er darauf aufmerksam gemacht, daß für uns mit der größeren Nähe zu anderen Regionen der Erde auch unsere Verantwortung für die Mitwelt dort zugenommen hat. Er meinte, wir könnten nicht mehr so tun als wüßten wir nichts von der Situation der Menschen dort und als ginge uns die Not anderer in den anderen Regionen der Erde nichts an.

Durch die Ökologiebewegung und den rasenden technischen Fortschritt hat das Bewußtsein in den vergangen Jahren stark zugenommen, daß wir Menschen ein Teil eines großen Systems sind. Viele haben erkannt, daß der weitere Bestand der Erde und der Menschheit von unserem eigenen Verhalten abhängt.

Ähnliche Gedanken hat bereits die mittelalterliche Nonne Hildegard von Bingen in ihrer Betrachtung des Kosmos im 12. Jahrhundert plastisch aufgezeigt. Sie macht deutlich: Alles steht durch Gott miteinander in Verbindung, ist aufeinander bezogen und wirkt aufeinander ein. Der Mensch steht als einziges vernunftbegabtes Wesen im Zentrum der Schöpfung. Er steht vor Gott im Zentrum des Kosmos. Er ist in ein Beziehungsgeflecht gestellt. Es weist in drei Richtungen: nach oben zu Gott, nach rechts und links zu den Mitmenschen und nach unten zur Tier- und Sachwelt.

Für Hildegard geht es im Leben darum, daß der Mensch erkennt, wie sehr er in dieses Bezugs- und Beziehungsgeflecht eingebunden ist.

Als Gottes Ebenbild hat der Mensch zwar eine besondere Stellung in der Schöpfung erhalten, aber auch eine besondere Verantworung für seine Mitwelt. Getragen von der Liebe des Schöpfergottes soll der Mensch [im Vertrauen auf Gottes Kraft] in Verantwortung für den Bestand der Welt sorgen. Er soll all das in Ehren halten, was Gott zum Schutz des Menschen geschaffen hat.

Die Gedanken vieler, die heute ihre Verantwortung in der Welt wahrnehmen, decken sich so zum Teil mit den Gedanken Hildegrads. Mir wird von Neuem klar: Ich möchte mich meiner Verantwortung stellen: Oder wie es Hildegard sagt: "Genauso ströme der Mensch ein Wohlwollen aus auf alle, die da Sehnsucht tragen. Ein Wind sei er, der den Elenden hilft, ein Tau, indem er die Verlassenen tröstet, und Regenluft, indem er die Ermatteten aufrichtet."


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