Morgengrüße im SWF4

„Das Werk aller Werke Gottes: der Mensch!", Mensch, so schaue dir diesen Menschen nur recht an! Himmel und Erde und das Gesamt der geschaffenen Welt birgt der Mensch in sich selber. Und so ruht im Menschen eingeborgen das All.“

Die Sätze stammen aus der Feder Hildegards v. Bingen, einer beeindruckenden Frau des Mittelalters. Sie ist die große Heilige des Nahetals. Wir bereiten uns auf das Jubiläumsjahr der 900. Wiederkehr ihres Geburtstages vor. Als Äbtissin leitete sie ihre Schwesterngemeinschaft auf dem Disibodenberg bei Staudernheim an der Nahe, auf dem Rupertsberg bei Bingerbrück und in Eibingen bei Rüdesheim am Rhein. Als Ärztin befaßte sie sich mit dem kranken Menschen und verfaßte Bücher in der Heilkunde, die heute wieder in ihrem Wert neu entdeckt werden. Im Kampf um die Macht von Kaiser und Papst im 12. Jahrhundert richtete sie ihre mahnenden Worte an Kaiser Barbarossa, an die Päpste, an Äbte und alle, die ihres Rates bedurften. Auf ihren Reisen nach Köln, Trier, Würzburg, Bamberg stand dieses Ordensfrau in Domen und auf Marktplätzen, um Gottes Wort kraftvoll und überzeugend zu verkünden. Noch heute wird sie ,,deutsche Prophetin" und ,,Seherin vom Rupertsberg“ genannt, weil sie in besonderer Weise von Gott ins Wort genommen wurde.

,,Himmel und Erde und das Gesamt der geschaffenen Welt birgt der Mensch in sich selber,“ sagt sie. In ihrer Schau sieht sie den Menschen aufgerichtet mitten im Weltenbau. Er überragt die Erde und stellt sich mit weit ausgespannten Armen in das Rad, das die Welt bedeutet. „Gott hat diese Welt mit den Winden verstärkt, mit den Sternen erleuchtet, mit der Erde als Herzstück gefestigt ... - Mit allen Weltstoffen hat Gott den Menschen durchströmt; er hat ihn mit dem Geist der Vernunft begabt, auf daß die Welt dem Menschen zur Verfügung stehe, und er mit ihr schöpferisch wirken kann. In Jesus Christus bringt diese Welt ihre geistige Furcht." Soweit Hildegard. In einer Zeit, in der der Mensch in der Retorte gezeugt wird, in der Abtreibungen gesetzlich abgesichert sind, in der so viele Waffen zur Verfügung stehen, um diese Erde mehrfach zu vernichten, gewinnt Hildegards Bild vom Menschen eine ungeheure Aktualität! Du Mensch, im Herzen der Welt, bist mir für diese Erde verantwortlich. Du bist in sie hineingestellt, um sie zu tragen, zu hüten und zu erhalten Und das nicht nur für den Ort, wo Du lebst und für die Zeit, die Du mitgestaltest, sondern weltweit und in die Zukunft wirkend. Wo der Mensch Leben zerstört, auch in seiner Umwelt, hintertreibt er Gottes guten Willen, das Heil. Mensch und Welt sind so eng miteinander verbunden, daß die Welt aus den Fugen gerät, wo er zerstörerisch eingreift. Das Heil des Menschen ist unteilbar. Leben und Tod, Krankheit und Leid, Krisen und Sogen, die Lebensfreude und der Lebensraum des Menschen, sein Wachen und Schlafen, sein Alltag, sind nur im Ganzen der Welt zu begreifen. Sie weisen über sich hinaus, auf den, der letztich alles geschaffen hat. Der Mensch ist dabei eingenistet in das Herz Gottes. Das ist gut zu wissen.


Sprecher 1Uns beide beschäftigt seit einiger Zeit Hildegard von Bingen. Unsere Gemeinden bereiten sich auf ihren 900. Geburtstag vor. Heute reden wir über ihr Gottes und Menschenbild
Sprecher 2Es ist immer wieder neu und des Staunens wert, den Bausteinen des Lebens auf die Spur zu kommen.
Sprecher 1Mich fasziniert die Welt, die ein Elektronenmikroskop sichtbar macht, die Strukturen des Lebens.
Sprecher 2Ja, das ist auch etwas Großartiges. Wir können im kleinen schon ein ganzes erahnen.
Sprecher 1Schauen wir durch ein Teleskop und entdecken die Sternensysteme und Milchstraßen des Weltalls ist eine Ordnung erkennbar und sogar berechenbar.
Sprecher 2Bereits im 12. Jht. hat sie um diese Ordnungen gewußt und sie beschrieben.
Sprecher 1Für sie steht der Mensch im Mittelpunkt des Weltganzen wie die Narbe eines Rades.
Sprecher 2Bedeutet das, daß sich bei ihr alles nur um den Menschen dreht?
Sprecher 1Nein, der Mensch ist für sie ungeheuer wichtig. Er überragt die Erde um ein Vielfaches. Er hat aber trotzdem nur einen ganz bestimmten Platz in der Welt.
Sprecher 2Das ist mir aber zu wenig. Wenn ich unsere Fähigkeiten und Möglichkeiten betrachte, dann haben wir die Welt ganz gut im Griff.
Sprecher 1Ja, aber wir sind immer angewiesen auf andere Menschen, auf Dinge und Hilfsmittel, auf das, was die Natur bietet.
Sprecher 2Hildegard sagt, wir sind eingeästet in ein Weltganzes.
Sprecher 1Was heißt das?
Sprecher 2Es bedeutet, daß ich verbunden bin mit den Kräften und den Elementen der Natur daß ich die Geschicke der Welt mitbestimme, ob ich am Fließband stehe oder arbeitslos und krank bin oder ob ich einen Betrieb leite.
Sprecher 1Wieso bestimme ich sie dann mit?
Sprecher 2Weil alles, was ich tue oder was mir widerfährt, sich auf andere auswirkt
Sprecher 1Bin ich damit nicht überfordert? Ist denn dann der Mensch nach Hildegard von Bingen. völlig auf sich alleine gestellt?
Sprecher 2Nein, Gott trägt ihn und die ganze Welt in seinem Herzen. Mich beruhigt zu wissen, daß ich von Gott getragen bin zu jeder Zeit meines Lebens. Er fängt mich auf in Glück und Unglück.
Sprecher 1Jetzt verstehe ich, wenn sie sagt: ,,Wie wunderbar ist das Wissen im Herzen der Gottheit. Wie wunderbar ist dieser Hauch, der also den Menschen erweckte. „ (S.V.397)

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