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Ethisch urteilen und handeln
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2. Tugendethik
Neben Normen (Pflichtenlehre) und Handlungszwecken
(Güterlehre) bildet die Tugend (Tugendlehre) ein zentrales Thema der
traditionellen Ethik.
A. Der klassische Tugendbegriff
Der klassische
Tugendbegriff wird in drei Schritten skizziert:
1. Vernunft und Neigung.
Der Bereich der sinnlichen
Lust-Unlustmotivation (Neigungen, Leidenschaften, Affekte, Gefühle) ist nach
Platon und Aristoteles nicht bloß Resultat naturkausaler Mechanismen. Er steht
im Verhältnis zu den geistigen Fähigkeiten
im Menschen zu Vernunft und Wille. à Während rein
vegetative Lebensprozesse ( z.B. Verdauung und Wachstum)
unwillkürlich-naturkausal ablaufen, sind unser Sensorium und damit auch unsere Neigungen in gewisser Hinsicht vom Willen
steuerbar. „Darum kann der Mensch den Raum seiner Neigungen gestalten und
erziehen.“
Insofern ist die Gestaltung der Sensualität ein moralisches Problem.
à „Der moralisch
vollkommene, also der Tugendhafte im Sinne von Platon oder Aristoteles (bzw.
die >>schöne Seele<< bei Schiller), hat seine Sensualität so
gestaltet und erzogen, daß er das Gute gerne tut und keine pflichtwidrigen
Affekte mehr auftreten. Platon verglich das Verhältnis der (geistigen) Vernunft
zu den (sinnlichen) Neigungen mit dem eines Wagenlenkers zu seinen Rossen
(Phaidros 246).“
à Die antiken und
scholastischen Ethiker beschäftigten sich deshalb intensiv mit der
Klassifizierung und genauen Beschreibung
der einzelnen Neigungen und entwickelten Theorien über die
>>Leidenschaften der Seele<< (passiones animae).
Platons Unterscheidung wurde Richtungsweisend:
hiernach gibt es
èzwei Grundtypen von Leidenschaften:
àden begehrenden
(epithymetikón, concupiscibile) und
à dem Mutartigen (thymoeidés
mirascibile).
Das Begehren richtet sich direkt
auf ein Gut (z.B. Liebe, Haß).
2. Der Tugendbegriff. Im
Verständnis der klassischen Ethik ist die Tugend (areté, virtus) ein erworbener
Habitus, der zu bestimmten wertvollen Tätigkeitsweisen qualifiziert.
Es
wird unterschieden zwischen einem natürlichen und einem erworbenen Habitus:
·
Habitus
meint eine zuständliche Eigenschaft im Sinne einer dauerhaften Fähigkeit oder
Disposition auf Tätigkeit hin. (Z. B. der Violinist, der das Geigenspielen erlernt
hat, hat den Habitus des Geigenspielens.
·
Ein
Habitus kann natürlich sein und kommt dann dem , der ihn besitzt, immer
wesentlich (>>angeboren<<) zu.
·
Ein Habitus kann aber auch erworben sein und hat
dann den Charakter einer bestimmten erlernten Fertigkeit.
·
Bei
Thomas v. Aquin hat die Synderesis (Gewissen) den Charakter eines natürlichen,
die Tugend aber den eines erworbenen Habitus.“
Aristoteles grenzt die ethischen
Tugenden ab einerseits gegen die dianoetischen (d.h. die theoretischen, z.B. Wissenschaft
, Weisheit) und andererseits gegen die poietischen (d.h. die auf die poiesis,
das Machen und Erzeugen, bezogenen Tugenden, also die Künste und Fertigkeiten.
·
„Die
ethischen Tugenden qualifizieren zum guten Handeln. Sie sind
Habitualitäten, durch die uns das moralisch gute Handeln gewissermaßen zur
zweiten Natur wird. Dabei kommt den Neigungen
bzw. der Lust eine entscheidende
Rolle zu. Denn eine ethische Tugend ist dann erworben, wenn die sinnlichen
Neigungen im betreffenden Praxisfeld vernunftmäßig
gestaltet sind, so daß das Gute leicht,
gerne und mit Freude getan wird. Der Erwerb
der Tugend erfolgt durch praktische Gewöhnung, also durch Einübung.
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Aristoteles Text:
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"Darum werden uns die
Tugenden weder von Natur noch gegen die Natur zuteil, sondern wir haben die
natürliche Anlage, sie in uns aufzunehmen, zur Wirklichkeit aber wird diese
Anlage durch Gewöhnung. [...] [Wir erlangen die Tugenden] nach vorausgegangener
Tätigkeit, wie dies auch bei den Künsten der Fall ist. Denn was wir tun müssen,
nachdem wir es gelernt haben, das lernen wir, indem wir es tun. So wird man
durch Bauen ein Baumeister und durch Zitherspielen ein Zitherspieler. Ebenso
werden wir aber auch durch gerechtes Handeln gerecht, durch Beobachtung der
Mäßigkeit mäßig, durch Werke des Starkmuts starkmütig. (NE II, 1103 a 23 - 1103
b 3).
Als Zeichen des Habitusmuß man die mit den Handlungen verbundene Lust oder Unlust betrachten. Wer sichsinnlicher Genüsse enthält und eben hieran Freude hat, ist mäßig, wer aber
hierüber Unlust empfindet, ist zuchtlos. Und wer Gefahren besteht und sich
dessen freut oder wenigstens keine Unlust darüber empfindet, ist mutig, wer
aber darüber Unlust empfindet, ist feig. Denn die ethische Tugend hat es mit
der Lust und Unlust zu tun. Der Lust wegen tun wir ja das sittlich Schlechte,
und der Unlust wegen unterlassen wir das Gute." (1 l04b 4-10)[7]
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Tugend ßà Laster (kakia, vitium)
Das Laster ist der Tugend
entgegengesetzt.
Das Laster ist ein Habitus, der unsim
bestimmten Praxisbereichen das vernunftwidrige, böse Handeln gewissermaßen zur
zwetien Natur macht.
(3) Lebensgestaltung
Der Tugendbegriff führt uns die
Perspektive der moralischen Lebensgestaltung vor Augen, in welcher es letztlich
um das ganze Leben des Menschen
geht.
à “Selbstbestimmung aus Freiheit (3.3)
betrifft in allen Einezlhandlungen hindurch den
Menschen als ganzen.
Sie betrifft einerseits seine
personale Ganzheit als Einheit von
Vernunft- und Sinneswesen und andererseits die Ganzheit des Lebensprozesses als die der Freiheit gestellte moralische
Aufgabe. Es geht nicht nur darum, in Einzelhandlungen gut zu handeln,
sondern selbst gut zu werden und ein
guten Leben zu führen.”
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Karl- Rahner Text:
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„In der Freiheit geht es
immer um den Menschen als solchen und ganzen. Das Objekt der Freiheit in ihrem
ursprünglichen Sinn ist das Subjekt selbst, und alle zu behandelnden
Gegenstände der Umwelterfahrung sind nur Gegenstände der Freiheit, insofern sie
dieses endliche und raumzeitliche Subjekt an es selber vermitteln. Dort, wo
Freiheit wirklich begriffen wird, ist sie nicht das Vermögen, dieses oder jenes tun zu können, sondern das
Vermögen, über sich selbst zu entscheiden und sich selbst zu tun. (K. Rahner,
Grundkurs des Glaubens 6 1991, 49) Die Ewigkeit des Menschen kann
nur verstanden werden als die Eigentlichkeit und Endgültigkeit der sich
ausgezeitigt habenden Freiheit. (50)“
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3. Tugendtafeln
Tugendtafeln sind wirkungsgeschichtlich das Ergebnis des Versuches Tugenden zu unterscheiden und architektonisch
zu ordnen. „Da der klassische
Tugendbegriff darauf abzielt, Vernunft und Sinnlichkeit in praktischer Absicht
aufeinander zu beziehen, liegt den Tugendtafeln zumeist ein anthropologischer Ansatz zugrunde. Die
Differenzierung der Tugenden als Habitualitäten der Praxis erfolgt auf der
Basis der Unterscheidung diverser geistig-vernunfthafter
und sinnlich animalischer Fähigkeiten des Menschen.
à Moralische
Vollkommenheit im Sinne von Tugendhaftigkeit erhält so die Bedeutung einer umfassenden und harmonischen Vollendung des ganzen Menschen.“
3.1 Die Kardinaltugenden
Platons
Platons Theorie der
Kardinaltugenden (= Grundtugenden) wurde für die ganze tugendethische Theorie
Richtungsweisend.
Zum einen entwickelt sie eine Tugendtafel,
zum anderen bringt sie zugleich das zentrale Motiv aller Tugendethik auf den
Punkt.
Platon unterscheidet drei für die Praxis relevante Grundkräfte
(>>Seelenteile<<) des Menschen: Die Vernunft, das Mutartige und das
Begehren.
Auf dieser Basis wird die
Theorie der Kardinaltugenden entwickelt (Staat IV 434c-444a).
Die
Vernunft (logistikón, rationale) nimmt als geistiger Seelenanteil den höchsten
Rang ein, da sie in der Lage ist das wahre
Gute bzw. die Idee des Guten >>mit den Augen des Geistes<< zu
schauen. à "Darum soll sie die anderen
(sinnlichen Seelenteile beherrschen und
ordnen. Damit sie das tun kann, muß sie zuerst ihrer wahren und eigentlichen
Bestimmung gerecht werden, d.h. sie muß die Tugend der Weisheit (sophia, sapientia) erlangen, also den
Habitus, der sie mit dem wahren Guten Vertraut macht.“
·
„Im Habitus der Weisheit bezieht sich die Vernunft
zunächst auf das Mutartige. Die bezieht das Mutartige auf das wahre Gute und
erzieht es dazu, dieses Gute trotz aller Hindernisse und Schwierigkeiten zu erstreben. Das der Vernunft gehorchende
Mutartige erlangt damit die Tugend der Tapferkeit.“
·
Ist diese Ordnung der >>Seelenteile>
verwirklicht, so ist der Mensch gerecht. Denn Gerechtigkeit ist dann
gegeben, wenn >>jeder das seine tut und nicht vielerlei
treibt<< (433a). Tut jede Seelenkraft unter der Herrschaft der Vernunft
das Ihre, so ist der Mensch in sich gerecht und tugendhaft.“
·
„Das zur Tapferkeit erzogene Mutartige richtet sich
schließlich auf das Begehren. Es mäßigt die naturwüchsige Beliebigkeit der
Begierden, indem es sie auf das wahre Gute richtet. Das dem tapfer gewordenen
Mutartigen entsprechende Begehren
erlangt damit die Tugend der Mäßigung.“
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Die Kardinaltugenden bei Platon
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Das Ziel, das die Kardinaltugenden zunächstverfolgen, ist die eigene Vollkommenheit. „Sie zielen also auf die moralisch vollendete Harmonie des Menschen
in sich selbst.
Es bedarf jedoch nur einer Blickwendung, um die Gerechtigkeit als jene Tugend zu fassen,
in welcher es um das Verhältnis zu
anderen Menschen geht und damit um das Interpersonale und Soziale.“[15]
3.2 DieTugendtafel bei Aristoteles
Aristoteles arbeitet Platons Theorie der
Kardinaltugenden in eine umfassendere Tugendtafel ein.
Er unterscheidet zwischen den
- dianoetischen
(theoretischen) und
- ethischen
(praktischen) Tugenden
Tugend bei Aristoteles ist eine Habitualität auf
wertvolle menschliche Tätigkeit hin.
·
dianoetischen
Tugenden: gegliedert in zwei Gruppen:
a) betrifft die Vernunft , sofern sie sich in reiner
Theorie auf das bezieht, was keine
Veränderung durch menschliches Tun
zuläßt.
b) betrifft die Vernunft, sofern sie sich auf das
bezieht, was durch menschliches Tun
verändert werden kann.
·
Zur
ersten Gruppe gehören:
- Vernunft als der Habitus der ersten Prinzipien der Erkenntnis
- die Weisheit als das
Wissen um das von Natur aus Würdigste
- die Wissenschaft als das
aus Prinzipien ableitbare Wissen.
·
Die
zweite gliedert sich dadurch, daß es zwei Bereiche des durch menschlichen Tun
Veränderbaren gibt.
a) Bereich der Praxis im
strikten Sinn = Bereich des moralisch
relevanten Handelns (hat einen Wert in sich). (Auf dieses (Ökonomische,
politische, ethische) Praxis bezieht sich die praktische Vernunft, deren Tugend
die Klugheit, (phrónesis, prudentia) ist.
b) der andere Bereich ist
der Bereich des Machens, Erzeugens, Gestaltens (poiesis, facere), das seinen
Wert im Werk hat, das es hervorbringt. Die Tugend der poietischen bzw. technischen Vernunft ist das
(technische oder ästetische Können, die Kunst (techne, ars).[16]
„Die ethischen Tugenden (d.h. die Tugenden im
engeren Sinne) sind jene, in denen es um die vernunftgemäße Gestaltung und
Erziehung der (sinnlichen Affekte) geht. Dabei bestimmt Aristoteles:
à das Vernunftgemäße der
Tugend als die Mitte (mesotes)
zwischen lasterhaften Extremen. so etwa ist die Tapferkeit die Mitte zwischen
Verwegenheit und Feigheit.
àdie Vielfalt der ethischen
Tugenden entfaltet sich im Kontext des gesellschaftlichen Lebens,
also:
- der Ökonomie
(bezogen auf das Haus, oikos)
- des geschellschaftlichen Umgans der Bürger
miteinander
- der Politik.
„Insofern ist die höchste
der ethischen Tugenden die Gerechtigkeit als die Tugend, die im Verhältnis zum
Mitmenschen jedem das Seine im Sinne eines Ausgleiches bzw. einer gewissen
Gleichheit zuordnet.“[17]
Typisch für die aristotelische Tugendethik ist die
konsequente Einbettung der ethischen
Tugenden in das vorgegebene Recht und
Ethos der politisch verfaßten Gesellschaft. So zielt seine Tugendlehre
nicht darauf ab eine differenzierte Pflichtenlehre zu entwickeln und Normten zu
begründen. Vielmehr leben die Vernunft- und tugendgemäßen Normen als
unbestrittene Geltungen innerhalb des lebendigen Ethos des politisch-rechtlich
verfaßten, vorgegebenen sozialen Lebens.[18]
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3.3 Die Tugendtafel bei Thomas
von Aquin
Thomas entfaltet eine Normethik auf der Basis einer
Architektonik von Grundtungenden, in der das tugendethische Denken von Platon und Aristoteles mit der christlichen
Tradition verbunden ist.
Abgesehen
von den dianoetischen Tugenden unterscheidet er im Anschluß an Aristoteles
zwei Tugendebenen:
a) vier Kardinaltugenden als moralische
Tugenden (virtutes morales) Klugheit,
Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung.
Die moralische Vollkommenheit im Zeichen der
vollendeten Tugend soll den ganzen Menschen in der Einheit seiner geistigen
(Vernunft, Wille) und sinnlichen Kräfte vollenden.
b) sogenannte theologische Tugenden (virtutes
theologicae), sie sind dem Menschen durch die Gnade Gottes geschenkt
(>>eingegossen<< infusae). Sie werden die moralischen Tugenden
vollenden.
Die drei theologischen
Tugenden sind:
der Glaube (fides) = gnadenhafte Vervollkommnung der
Vernunft, die Hoffnung (spes) und die Liebe (caritas).
“In der Entfaltung der
Tugendethik nimmt Thomas auch die aristotelischen Polistugenden auf und
integriert sie in sein (durch sieben Tugenden gegliedertes) moraltheologisches
Werk. Dabei faßt er allerdings das
sittlich Normative weniger als etwas, was in sozialen Kontexten und Traditionen
eingebettet ist und entdeckt wird; die normethische Argumentation steht zwar in
einem tugendethischen Rahmen, erfolgt aber vor allem in jener
klassisch-naturrechtlichen Argumentationsform, die durch die lex naturalis (Naturgesetz) bestimmt ist.“[19]
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Zusammenfassung
- Der klassische Tugendbegriff: Die moralische
Tugend ist ein erworbener Habitus, der zu vernunftgemäßem, gutem Handeln qualifiziert.
Weil der Tugendhafte seine sinnlichen Affekte vernunftgemäß gestaltet und
erzogen hat, tut er das Gute gern. Die Tugendethik bringt die Perspektive der
umfassenden moralischen Lebensgestaltung ins Spiel.
- In PLATONS Theorie der Kardinaltugenden geht
es darum, daß die zur Weisheit gelangte Vernunft über die aggressiv-mutartige
sowie über die begehrende Seite der Sinnlichkeit herrscht und die eine zur
Tapferkeit, die andere zur Mäßigung führt. Die Harmonie des ganzen Menschen ist
die Gerechtigkeit.
- Bei ARISTOTELES sind die ethischen Tugendeneingebettet in das vorgegebene Recht und das lebendige Ethos der Polis; nur
anhand der in sozialen Kontexten eingebetteten Tugenden läßt sich das sittlich
Normative bestimmen. Dabei ist die Tugend jeweils die Mitte zwischen
lasterhaften (dysfunktionalen) Extremen.
- Die Tugendtafel des THOMAS VON AQUIN
kombiniert die Kardinaltugenden (Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mäßigung)
mit den gnadenhaften theologischen Tugenden (Glaube, Hoffnung, Liebe).
- Die Klugheit als Tugend der praktischen
Vernunft ist der (in der Praxis eingeübte) Habitus, das gute Handeln
situationsgemäß und unter Berücksichtigung der zu erwartenden Folgen zu bestimmen,
d. h. angesichts der situativen Kontingenzen, Umstände und Eventualitäten
jenes praktische Urteil zu fällen, welches die richtigen Mittel zur optimalen
Erreichung des guten Zieles vorsieht.“[20]
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B. Beispiel eines gegenwärtigen Entwurfes einer Tugendethik
Die Tugendethik bei Alasdair MacIntyre
(After
Virtue, 1981) dt. >>Der
Verlust der Tugend 1987)
Die Grundtendenz der aristotelischen Ethik wurde in der
Gegenwart wiederbelebt. MacIntyre
wendet sich vehement gegen die subjektivistische Auflösung der Ethik in der
Moderne und tritt im Anschluß an
Aristoteles für die Tugendethische Einbettung des Sittlichen in die gegebenen
sozialen Kontexte und Traditionen ein.
Er
unterscheidet dabei drei tugendethische Ebenen.
·
Tugenden im Rahmen
bestimmter Praxisbereiche: Praxis meint hier: „jede kohärente und komplexe Form
sozial begründeter, kooperativer menschlicher Tätigkeit“. In den diversen Praxisbereichen fallen
Menschen diverse soziale Rollen zu. Im gegebenen Kontext ist es in der Regel
ziemlich eindeutig, welche Vortrefflichkeit
(Tugend) jeweils im Rahmen einer bestimmten sozialen Rolle erforderlich
ist, z.B. was man unter einer guten Mutter, einem guten Freund, Mechaniker,
Schaffner, Lehrer oder Politiker zu verstehen hat. Dabei zielen die Tugenden
der sozialen Rollen auf Güter ab, die dieser Praxis inhärent sind, d.h. „daß
ihre Erlangung ein Gut für die gesamte Gemeinschaft ist, die an der Praxis
teilhat.“(255
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„Eine Tugend ist eine erworbene menschliche
Eigenschaft, deren Besitz und Ausübung uns im allgemeinen in die Lage versetzt,
die Güter zu erreichen, die einer Praxis inhärent sind, und deren Fehlen
wirksam verhindert, solche Güter zu erreichen. (255 f.)“
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b)
„Auf der zweiten Ebene geht es um das Ziel und die „narrative Ordnung“ des
guten Lebens eines einzelnen Menschen, also eines ganzen Menschenlebens, das
gut genannt werden kann“. Damit kommt die Frage nach dem „endgültigen Telos“
mit ins Spiel (292). Für MacIntyre steht die
umfassende Lebensgestaltung, welche die einzelnen Rollentugenden der
Praxisbereiche Übersteigt, im Zeichen der Suche
nach dem Gut, „das uns in die Lage versetzt, andere Güter zu ordnen“, „unser
Verständnis vom Zweck und Inhalt der Tugenden zu erweitern“ und „die Stellung
der Rechtschaffenheit und Beständigkeit im Leben zu verstehen“(292).
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„Die Tugenden
müssen daher als Dispositionen verstanden werden, die nicht nur die Praxis
aufrechterhalten und uns befähigen, die der Praxis inhärenten Güter zu
erlangen, sondern die uns auch bei der relevanten Art von Suche nach dem Gut
unterstützen, indem sie uns in die Lage versetzen, die Leiden, Gefahren,
Versuchungen und Ablenkungen zu überwinden, denen wir begegnen, und die uns mit
wachsender Selbsterkenntnis und wachsendem Wissen über das Gute ausstatten.
[...]Das gute Leben für den Menschen ist das Leben, das in der Suche nach dem
guten Leben für den Menschen verbracht wird, und die für die Suche notwendigen
Tugenden sind jene, die uns in die Lage versetzen, zu verstehen, worin darüber
hinaus und worin sonst noch das gute Leben für den Menschen besteht. (293)“
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c)
Die dritte Ebene bestimmt sich dadurch, daß mein Leben eingebettet ist in die
Geschichte von Gemeinschaften, von denen ich meine Identität herleite (295).
Ich stehe in meinen sozialen Rollen und meiner lebensgestaltenden Suche nach
dem endgültigen Telos immer schon in umgreifenden Traditionen, die mich
unbeliebig kontextualisieren (z.B. Familie, Beruf, Stadt, Nation, Religion,
Kultur) Dabei ist eine lebendige Tradition „eine historisch erweiterte und
sozial verkörperte Argumentation“(297). Die Einbettung in Traditionen macht
eine weitere Tugend erforderlich:
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„die Tugend, das adäquate Gefühl für die
Traditionen zu haben, denen man angehört oder die einem gegenübertreten. Diese
Tugend darf nicht mit einer Form konservativer Begeisterung für das Alte
verwechselt werden; ich will nicht diejenigen loben, die sich die
konventionelle konservative Rolle des lauda
tor temporis acti ausgesucht haben. Es ist eher der Fall, daß sich ein
adäquates Gefühl für Tradition im Zugriff auf jene Zukunftsmöglichkeiten
manifestiert, die die Vergangenheit für die Gegenwart verfügbar gemacht hat.
(297f.)“
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Arno Anzenbacherbewertet MacIntyre wie folgt: „In diesem
Sinne ist bei MacIntyre das Normative tugendethisch in soziale Kontexte eingebettet;
es braucht nicht jeweils von ersten Prinzipien her begründet bzw. abgeleitet zu
werden, sondern es läßt sich in den lebendigen
sozialen Kontexten aufweisen und entdecken.
Tugendethische Ansätze
dieser Art können zweifellos für die Gegenwart fruchtbar gemacht werden. Sie stoßen jedoch an ihre Grenzen, wo die
Praxis der sozialen Kontexte nicht mehr eindeutig normiert, sondern durch
Dissense bestimmt ist, sowie dort, wo die relevanten Traditionen brüchig und
umstritten sind.“
C. Die Neuaufnahme von Tugenden in der
katholischen Moraltheologie
1. Dietmar Mieth: hat eine Modell-Ethik entwickelt: vgl. sein Buch „Die neuen Tugenden. Ein
ethischer Entwurf“ ,Düsseldorf 1984.
·
Die
neuen Tugenden (S. 82-93):
Mieth
nennt als soziale Tugenden: Möglichkeitssinn, Gerechtigkeit, Courage und
Parteinahme als zeitgemäße Solidarität.
Wie
es zu dieser Auswahl kommt und wie sich
diese vier Tugenden zu den später als Grundhaltungen einer ethischen
Kultur der Politik geforderten Tugenden der Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit und
Glaubwürdigkeit (vgl. a.a.O. , 154ff) verhalten, bleibt unklar.
2. Häring Bernhard,
Frei in Christus, Moraltheologie für die Praxis des christlichen Lebens, Bd.
I Das Fundament aus Schrift und Tradition, Freiburg 1979/
1989.
2.1 Die Grundentscheidung
Häring legt dar, daß Ergebnisse der
Humanwissenschaften und vertiefte theologische Reflexion „die Frage der Grundentscheidung (optio fundamentalis)“
zu einem Hauptthema der Fundamentalmoral gemacht hat. So habe das Verständnis
der Grundentscheidung weitreichende
Folgen für andere Themen der Moral.
Vor allem die thomistisch inspirierte
Moraltheologie widmete der
„Grundentscheidung für das letzte Ziel
(finis ultimus)“ hohe
Aufmerksamkeit. Hier hängen alle Einzelentscheidungen und die Qualität der
Freiheit des einzelnen von dieser Entscheidung ab. Häring hier, unabhängig von
anderen Faktoren, den „bleibenden Wert der Frage nach der Entscheidung für das
letzte Ziel“.
Biblisch gesehen heißt das: „Gott der Schöpfer und
Erlöser ruft uns so ins Dasein, daß wir nur als von ihm Gerufene antworten
können.“ Nach
heutiger Sicht heißt das: ob und wie der Mensch seinem Leben einen letzten Sinn
gibt.
Im Gesamtkontext wird deutlich, „daß der Mensch
seine Entscheidungen, vor allem seine Grundentscheidung, inmitten von
Konflikten fällt.“
Häring betont: èDie Grundentscheidung „hat ihren Ort
heute in einer biblischen Sicht der Moral der Bekehrung, wobei die
Grundentscheidung zusammenfällt mit der traditionellen Sicht der >>ersten
Bekehrung<<, der grundlegenden Hinkehr zu Gott, die jedoch nach der
fortwährenden Bekehrung und vollen Reinigung ruft, die in der Tradition
>>zweite Bekehrung<< genannt wurde.“
Häring führt hier Karl Rahner auf, der Freiheit
und >>Grundoption<< tiefsinnig zueinander in Beziehung setzt: è
„>>Theologisch muß Freiheit verstanden werden als die personale
Selbstverfügung des Subjekts, durch die es sich als Ganzes mit der Ganzheit des
irdischen Lebens in seine Endgültigkeit hinein vollzieht.<<“
Rahner betont zwar einerseits den ganzheitlichen Charakter der Grundoption,
gibt aber auch zu bedenken, daß sie anfänglich oft noch inhaltsleer und
ungefüllt. à“Die
Freiheitstaten, in denen das Subjekt über sich und die Ganzheit seines Lebens verfügt, müssen sich in der
Geschichte ereignen , müssen einen raumzeitlichen Platz innerhalb der
menschlichen Geschichte haben. Mit anderen Worten, die Grundentscheidung bedarf einer Konsolidierung und zeitlichen
Entfaltung.“
Häring macht deutlich, daß Gott sich nicht mit
äußeren Leistungen zufriedengibt. è“Wahre
Moralität kommt aus der Grundfreiheit, die sich für Gott und das Gute
entschieden hat, aus jener innersten Treuebindung, die den Einzelentscheidungen
Sinn und Richtung gibt. >>Mein Sohn, schenk mir dein Herz<< (Spr
23,26). Nur wenn sich das Herz, die letzte Tiefe, für Gott entschieden hat,
gedeiht das geistliche Gespür für das rechte und die reine Absicht.“
Das Herz des Menschen ist hier von großer Bedeutung.
Gott verlangt die Bekehrung des Herzens des
ganzen Menschen zu Gott und nicht nur rituelle Bußen und Leistungen.
Das Herzstück der Frohbotschaft ist das
>>neue Herz<< (Mk 1,15), zusammen mit der Aufforderung, gemäß dem
neuen Herzen und dem neuen Geist zu leben.
Es ist Hinweis auf das erneuernde Tun Gottes. Hinzu kommt der
dringendste Appell zu ganzen Bekehrung, das ist zur Hingabe an Gott aus dem
innersten Herzen, so daß dann alles sinnen, Trachten und Tun von dieser
Grundoption bestimmt wird.
è”In
der Grundoption entscheidet der Mensch über sein Herz, das entweder in Liebe
und Güte überfließt oder aber von Selbstsucht erfüllt sein kann.“
à
„Für die Gestaltung des gesamten Lebens ist es sehr wichtig, daß alle
Dimensionen einer solchen Treuebindung erforscht werden, um jene Bedingungen zu
schaffen oder zu begünstigen, die lebenslange schöpferische Treue
erleichtern. èDie großen
Entscheidungen des Lebens sind Verheißungsvoll in dem Maße, als sie aus der
Mitte des Daseins kommen und die Grundoption verstärken.“
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è
„Werden die großen Lebensentscheidungen sorgfältig, nach gründlicher
Vorbereitung und ohne Anmaßung gefällt,
dann können sie sogar den Kräften des Unbewußten eine neue Richtung geben. è>>Es
scheint, daß in uns Kräfte schlummern, die erst durch voll bewußte
Entscheidungen freigesetzt werden<<.“
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Einzelne Akte der Entscheidung könne aus einersolchen Tiefe kommen, daß sie sich mit der Grundentscheidung vereinigen. Aber
nicht jeder freie Akt ist ein voller Selbstausdruck; z.B. viele Akte des
alltäglichen Lebens, Gedanken, Verlangen, Worte und Taten. Die Person erlebt
Akte entsprechend ihrer persönlichen Entfaltung als nicht so bedeutsam, daß sie
den gesamten Lebensplan beeinflussen.
Akte an der Peripherie können so im Widerspruch mit der
Grundentscheidung stehen. Erst im Laufe seines Lebens erreicht der Mensch seine
volle Identität, Integrität und Folgerichtigkeit.
è“Die
Grundentscheidung für Gott und das Gute
ist eine vitale Antwort auf Gott, den Schöpfer und Erlöser, hin, der in allem
schenkend gegenwärtig ist und den Menschen zu sich ruft. Durch die radikale
Antwort, >>Herr, hier bin ich, rufe mich<<, wird der Mensch zum
Mitschöpfer und Mitkünstler im Mitvollzug der schöpferischen und befreienden
Liebe Gottes.“
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2.2. Die menschlichen Tugenden im Lichte der Grundoption
Häring beschreibt, daß sich im Chor der Tugenden
die Grundentscheidung artikuliert. Es ist eine wundervolle Schöpfung der
menschlichen Person, in der Gott und der menschliche Partner zusammenwirken.
Hier werden vor allem zwei Dimensionen
aufgezeigt:
1. „die Durchdringung aller menschlichen
Fähigkeiten: das angeborene Sehnen des Willens nach wahrer Liebe wird stärker;
der Intellekt kommt zu einer tieferen und lebensnäheren Schau des Guten; Gemüt
und Gefühle geben sowohl dem Wollen wie dem Kennen des Guten Wärme, Stärke und
Tiefe; die Einheit zwischen Wille und
Intellekt im tiefen Seelengrund wird beglückender erfahren.
2. Hand in Hand mit dieser Schaffung der inneren
Einheit und Stärke wächst die Offenheit für den Anderen und die anderen, für
die Mitmenschlichkeit und ein klares Weltbild.“
Platon: Tugenden vor allem Vervollkommnung der menschlichen Fähigkeiten.
Aristoteles und breite kath. Tradition: Tugenden
– objektive Wertsphäre, mit der der Mensch einen immer engeren Bund eingeht.
„Das innere Wachstum des Menschen spiegelt sich in all seinen Bezügen, vor
allem in schöpferischen Beziehungen zu
den Mitmenschen wider.“
Häring: è“Tugenden sind in dem Maße echt, als sich
in ihnen Freiheit ausspricht. Tugend ist nicht der Ertrag vielfacher
Wiederholungen, sondern die Frucht der entschiedenen Grundoption und
Grundintention, eines einheitsstiftenden Leitmotivs und der Echtheit der
Einzelmotive, die den verschiedenen Wertsphären entsprechen.“
“Tugend
erreicht immer größere Lebensfülle durch ihre Verwurzelung in der Grundoption
und im Leitmotiv und durch die tägliche Treue in der Werteantwort, vor allem
aber durch jene Wertverwirklichungen,
die aus der eigenen Tiefe kommen und die mitmenschlichen Beziehungen vertiefen.“
Häring hält weiter einen Lieblingsgedanken von
Max Scheler für wichtig, „>>daß Tugend und das wahrhaft gute Handeln
nicht so sehr aus dem Streben nach Seligkeit als vielmehr aus innerer Fülle der
Freude zum Guten kommen. Zwar bedarf es auch des Lernens, der Einübung und der
Stetigkeit im Tun des Guten, aber entscheidend ist die innere Hingabe an das
Gute. Ein hoher Grad an Tugend liebt das Schöne als den Glanz des Wahren und
Guten.<<“
Häring sieht in den Tugenden Haltungen, die den
besonderen Wertsphären entsprechen. Die Tugenden selbst und der Ausblick auf
die Wertsphären gewinnen ihre Mitte und Integration in der Grundentscheidung
des Glaubens. Der Glaube ist eine dankbare Antwort des Menschen auf die Gnade
Gottes. Im Glauben wächst das „Grundvertrauen, das Mut zu einem schöpferischen
Dasein verleiht. à
Die Grundoption des Christen heißt, Glaube erfüllt von Vertrauen und Hoffnung
und aktiv in der Liebe.“
à“Glaube,
Hoffnung und Liebe, anbetende Liebe zu Gott und dienende Liebe gegenüber dem
Nächsten, gehören unzertrennlich zusammen.“
“Tugend im vollen Sinn ist die sich im
Gesamt des Daseins durchsetzende
Grundoption, durch die das Gute zur zweiten Natur wird. Willensenergie kann allein kann nie Tugend
bewirken; denn im letzten ist sie „das freie Geschenk der Gnade, für dessen
feierlichen Empfang alle Bemühungen und Anstrengungen des Willens nur die
notwendige Vorbereitung sind.“
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3.
Grundoption und eschatologische Tugenden
Vier Kardinaltugenden ursprünglich griechischen
Ursprungs.
Die Vätertheologie hat sie in die eigene Kultur integriert.
Es galt das Wertvolle des vorgegebenen Ethos in das konkrete christliche Leben
einzubringen.
Häring beschreibt die Gefahr im Verlauf der
Geschichte des Christentums, „an einer geschichtlich bedingten Systematisierung
hängenzubleiben und darob das typisch christliche zu vernachlässigen.“
Aus diesem Grund verlangt er gegenüber den
eschatologischen Grundhaltungen eine größere Aufmerksamkeit.
1. Demütige Dankbarkeit
Dankbare Demut ist der Gestus eines ständigen
inneren Sterbens unseres Selbst, damit Christus in uns lebe. Es ist ein
Freiwerden des Herzens für alles Gute,
wahre und Schöne, währen der Stolz sich dem Lichte verschließt.“
2. Schöpferisches Hoffen
Die Hoffnung öffnet Horizonte für die Zukunft.
„Hoffnung gibt uns klare Blickrichtung und
Zielstrebigkeit als Mitarbeiter Gottes im Werk der Schöpfung und Erlösung. Sie
hilft uns, den Sinn der nächsten Zukunft im Blick auf die absolute Zukunft zu
deuten, so daß wir mutig unserer Zukunft entgegenschreiten und Verantwortung
für die Zukunft mittragen können.“
Christliche Hoffnung ist nicht Utopia.
Sie ist: realistisch, da sie uns mit dem Herrn
der Geschichte vereint, der nicht nur den Weg in die Zukunft zeigt, sondern der
unsere Zukunft ist.
3. Wachsamkeit und Bereitschaft
Das hier und jetzt gilt als Brücke der
Vergangenheit für die Zukunft. Häring führt hierzu den Begriff der wachsamen
Bereitschaft ein.
Wachsame Bereitschaft: „ist das schöpferische Ja
zum Angebot der gegenwärtigen Heilsstunde; es ist die Frucht der Dankbarkeit
und des hoffnungsvollen Vertrauens auf Gott. Wachsame Bereitschaft befreit uns
von Zerstreuung, Oberflächlichkeit und Tagträumen. Sie öffnet den Glaubenden
für jene prophetische Schau, die Voraussetzung für die Unterscheidung der
Geister ist.“
4. Frohe Gelassenheit
Häring setzt hier folgendes voraus: „Stellt der
Gläubige eine klare Grundoption und die eschatologischen Tugenden, in denen sie
sich entfaltet, in das volle Licht der Heilsgeheimnisse, so werden der Tod und
die Auferstehung Christi durch die Kraft des heiligen Geistes in ihm eine frohe
Gelassenheit bewirken.“
„Die Freude des Herrn ist unsere Kraft“ (Neh
8,10)
„Wer die große Heilsgeschichte bewußt mitlebt,
wird sich nicht an Kleinigkeiten wund reiben. Frohe Gelassenheit ist ein
Zeichen der Freiheit zu der Christus gerufen hat.“
„Der Christ betrachtet und empfängt diese
eschatologischen Grundtugenden vor
allem als Geschenk des Heiligen Geistes und als die Frucht eines Lebens in
Gehorsam gegenüber dem Geiste Gottes.“
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