Ethik in der Bibel – einige HinweiseWolfgang Schuhmacher Das Alte
Testament formuliert keine Ethiktheorie. Grundlegend ist die Zurückführung
aller ethischen Weisung auf den Willen Jahwes. Das Deuteronomium zeichnet das
Gesetz in die Bundestheologie ein, auch die Bestimmungen des
Heiligkeitsgesetzes sind immer wieder auf ihr Fundament 'Ich bin Jahwe (euer
Gott)' (Lev 18,2 u. ö.) und auf die Befreiungstat Gottes zurückgeführt, wovon
auch der Dekalog seinen Ausgangspunkt nimmt. Dabei fußt das rechte Verhalten
großenteils auch schon auf den natürlichen Regeln der Sitte und der (reflektierteren)
Weisheit. Gen 20,9 und Am
1,3-2,16 zeigen, daß ein allgemeines Wissen um das rechte Tun vorausgesetzt
wird. Die Weisheit
summiert die Lebenserfahrung von Generationen, zunächst als elementare
Erfahrungsweisheit, in späterem Stadium stärker theologisch reflektiert und in
das Schöpfungswirken Jahwes hereingeholt (vgl. Prov 1,7; 3,19; 1,20-33;
8,22-31), schließlich wird sie mit dem geoffenbarten Gesetz identifiziert (Sir
24,23; vgl. schon Dtn 4,6ff; Ps
19,8; 37,30f; 119,98). Weish 13 weist auf die prinzipielle Möglichkeit des
Verstandesschlusses von der Schöpfung auf den Schöpfer (Weish 13,5), der aber
faktisch nur den Gläubigen gelingt, was daher zum Aufweis der
Unendschuldbarkeit der Nichtisraeliten dient (Weish 13,8f.; vgl. Röm 1,20).
Alle Ethik ist daher Gehorsamsethik gegen Gottes Willen: "Es ist dir
gesagt, Mensch, was gut ist und was Jahwe von dir fordert" (Mi 6,8). Auch das Neue
Testament bietet kein Kompendium ethischer Leitsätze, kasuistischer
Handlungsanweisungen oder gar rational konzipierter oder naturrechtlich
begründeter sittlicher Prinzipien und Programme, vielmehr ist neutestamentliche
Ethik situationsbezogene 'kontextuelle' Ethik, damit gibt es eine Pluralität
ethischer Konzepte in der Bibel. Jesu
Ethik ist bestimmt von seiner
eschatologischen Erwartung des Reiches Gottes, inhaltlich geht es um
Entsprechung zwischen Gottes Handeln und menschlicher Antwort (vgl. Mt 18,23ff;
Lk 6,36; 12,48). Die Endzeiterwartung (Eschatologie) darf also nicht allein auf
einen ethischen Motivimpuls verkürzt werden, sie bestimmt auch material die
Ethik Jesu. Die
Zentralbegriffe der jesuanischen Ethik sind Umkehr, Nachfolge und Torabefolgung
(und Torakritik). Von da her wird auch die „Goldene Regel“ (Mt 7,12)
integriert. Übergeordnetes
Kriterium ist das Doppelgebot der Liebe (Mk 12,29ff par; Lk 10,25ff.). Das
Feindesliebegebot, zu welchem es auch außerchristliche Parallelen gibt (Seneca,
De Ira II,32), erhält jedoch bei Jesus einen eigenen inhaltlichen Akzent, den
Zug zur einseitigen Vertrauensvorleistung (vgl. auch die Seligpreisungen Mt 5). Hinsichtlich
sozialethischer Fragen argumentiert Jesus nicht naturrechtlich oder im Sinne
einer Eigengesetzlichkeit der Weltsphäre. Schon in den vorpaulinischen
Gemeinden muß es zu einer kritischen Rezeption antiker Formen und Inhalte
gekommen sein, formal wohl in Tugend- und Lasterkatalogen wie Haus- und
Pflichtentafeln, wie sie in den (pseudo-)paulinischen Briefen erwähnt sind
(vgl. Kol 3,16ff; Eph 5,22ff, 1 Petr 2,13ff). Die
Synoptiker hingegen berufen sich nicht auf ein Vernunft- oder Naturethos. Paulus entwirft seine Ethik im dialektischen Schema von Indikativ und
Imperativ, sie wird in der Taufe christologisch und im Anschluß daran
pneumatologisch-charismatisch begründet, das Leben der Christen also aus der
Gabe des Heiligen Geistes heraus erläutert (vgl. Röm 6; 2 Kor 3,17; Röm 8,9;
die Verteilung der Charismen 1
Kor 12). Trotzdem kann Paulus dabei auch bei Nichtchristen ein Wissen um
eine sittliche Forderung voraussetzen (vgl. Röm 2,14f; 13,3; I Kor 5,1). Manche
Theologen wollen das spezifisch Christliche in der paulinischen Ethik allein in
einer neuen Motivation und tieferen Sicht der herkömmlichen materialen
ethischen Forderungen der Umwelt sehen (so z. B. Rudolf Bultmann, auch Alfons Auer). © Wolfgang
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