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Aus: Ulrich H.J. Körtner, Unverfügbarkeit des Lebens?, Grundfrage der Bioethik und der medizinischen Ethik, Neukirchen-Vluyn 2001, S.41-43:
„In der modernen Gesellschaft ist Gesundheit ein geradezu religiöser Wert. [1] Mit ihm assoziieren die Menschen nicht nur – mit S. Freud gesprochen – Liebes- und Arbeitsfähigkeit, sondern eine religiös aufgeladene Utopie von Ganzheitlichkeit und Heil. Schon der Gesundheitsbegriff der WHO weist regelrecht utopische Züge auf. Er definiert Gesundheit nicht etwa nur als „Freisein von Krankheit und Gebrechen“, sondern als „Zustand vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens“[2] Zustimmung verdient diese Definition insoweit, als sie den für das vormoderne Gesundheitsverständnis grundlegenden Begriff der „integritas“ aufgreift. Ein auf den somatischen Bereich reduziertes Verständnis von Gesundheit und Krankheit ist in der Tat abzulehnen. Utopisch ist freilich die Ansicht, das Ziel medizinischen Handelns müsse die Herstellung eines Zustandes des Glücks und der Vollkommenheit sein. Kritisch gibt I. Illich zu bedenken: „Die moderne, kosmopolitische Zivilisation ist auf das Ziel hin geplant und organisiert, den Schmerz zu beseitigen, die Krankheit auszutilgen und den Tod zu bekämpfen. Das sind neue Ziele – und Ziele, die nie zuvor Leitlinien sozialen Lebens waren.“[3] Die Kehrseite diese utopischen Gesundheitsbegriffes besteht darin, dass jede Beeinträchtigung des Wohlbefindesn als Verhinderung von Glück, als Einschränkung sinnhaften Lebens und somit ausschließlich negativ bewertet wird. Nun sind eben auch Sterilität, genetische Abweichungen, Sterben und Tod Krankheitszustände, die es abzustellen gilt. Die Definition der WHO bestärkt eine Anspruchshaltung, derzufolge Gesundheit in einem umfassenden Sinne nicht etwa Gnade oder Glück, sondern ein Recht ist. Die religiöse Sehnsucht nach Heil schlägt um in die Forderung nach dem Recht auf Glück, auf Leidfreiheit oder auf ein in jeder Hinsicht gesundes Kind. [4] Insofern die WHO Gesundheit nicht als Fähigkeit, sondern als Zustand begreift, wird die Leidensmöglichkeit und Leidensfähigkeit des Menschen völlig ausgeblendet. Leiden erscheint nur noch als das Nichtseinsollende, kann jedoch nicht als zum Glück komplementäre Dimension gesunden Lebens angenommen werden.
Theologisch gesprochen wird die eschatologische Dimension menschlichen Lebens, dessen Vollendung die endzeitliche Hoffnung des christlichen Glaubens ist, ins Diesseits verlagert. Das Heil wird nicht mehr von Gott erwartet, sondern dem Menschen selbst als Leistung aufgebürdet. Die Sorge um die Gesundheit, angefangen bei der richtigen Ernährung, nimmt religiös-kultische Züge an. Die Überwindung des Todes oder zumindest sein möglichst langes Hinausschieben wird zum Ziel medizinisch-technischen Handelns. Der auf den ersten Seiten der Bibel geschilderte paradiesische Zustand des Menschen vor dem Sündenfall, sein „status integritatis“, wie die Theologen ihn nennen, soll auf gentechnologischen Wege, notfalls mit Hilfe einer Kombination von In-Vitro-Fertilisation, Präimplantationsdiagnostik und gentechnischer Mikrochirurgie, wiederhergestellt werden.“
[1] Vgl. U. Körtner, a.a.O. (Anm. 3), S. 56ff. 62ff.
[2] Zitiert nach U. Eibach, Heilung für den ganzen Menschen? Ganzheitliches Denken als Herausforderung von Theologie und Kirche, Neukirchen-Vluyn 1991, S. 20.
[3] I. Illich, Die Enteignung der Gesundheit – Medical Nemesis, Reinbek 1975, S. 95
[4] Vgl. auch D. Ritschl, Gesundheit: Gnade oder Rechtsanspruch?, Diakonie 8, 1982, S. 77 – 80.